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Flug ins Vergessen
Es war nicht sehr hell in
der Nacht vom 13. zum 14. August des Jahres 1901 als ein gewisser Gustave Whitehead mit zwei Helfern ein Flugzeug aus einem Schuppen hinaus auf ein großes Feld neben einer Landstrasse in Fairfield im US-Bundesstaat
Connecticut schob. Anschließend bestieg Weisskopf die Maschine, die Helfer warfen den Motor an, und Weisskopf hob ab, zum ersten Motorflug der Geschichte vor einhundert Jahren. Das nächtliche Treiben hatte seinen
Grund. 1891 hatte Otto Lilienthal auf den märkischen Wiesen vor Berlin bewiesen, dass es möglich sei, sich mit einem Segelgleiter in die Lüfte zu erheben. Jetzt, zehn Jahre später, war es nicht mehr die Frage ob,
sondern wann dies auch mit einem motorisierten Flugzeug Realität würde. In Europa und den USA experimentierten Dutzende von Tüftlern an ihren abenteuerlichen Konstruktionen. Jeder für sich und im Geheimen, ging es doch
um den Ruhm, als erster Motorflieger in die Analen der Luftfahrt einzugehen. Getretener Quark wird breit, nicht stark, um es mit Goethes Spruch aus dem Westöstlichen Diwan auszudrücken: Die ersten Motorflieger der
Geschichte waren keinesfalls die Gebrüder Wright, auch wenn jedes zweite amerikanische Lexikon uns dieses Glauben machen will, sondern Gustave Whitehead, der eigentlich Gustav Weisskopf hieß. Die anglisierte Version
seines Namens legte sich der 1874 im mittelfränkischen Leutershausen geborene Luftfahrtpionier erst nach der Emigration in die USA zu. Weisskopf wurde das Opfer einer, möglicherweise gar gezielten, Manipulation der
Luftfahrtgeschichte. Da waren zunächst die heftigen Attacken der Gebrüder Wright. Als es Orville und Wilbur zwei Jahre, vier Monate und drei Tage später, am 17.12.1903, ebensfalls gelang, sich mit einem
motorisierten Flugzeug in die Luft zu erheben und die Brüder mit der Leistung Weisskopfs konfrontiert wurden, schob Wilbur Wright ein recht fragwürdiges Argument vor, dass gegen Weisskopf zu sprechen schien. “So
etwas hätte doch garantiert am nächsten Tag in der Zeitung gestanden, und nicht erst Tage später, wahrscheinlich in der Zwischenzeit von interessierten Kreisen lanciert, dazu noch ohne Foto!” Tatsächlich gibt es nur
einen einzigen Zeitungsbericht vom Flug Weisskopfs, im Bridgeport Herald vom 18. August 1901, ohne Foto. Was Wilbur Wright jedoch bei seinem Argument bewußt verschwieg: Der Bridgeport Herald war eine reine
Sonntagszeitung, konnte also gar nicht am Folgetag über das Ereignis berichtet haben. Hinzu kommt, dass die Presse kaum Interesse an solchen ‚Fantasy-Stories‘ hatte. Zu oft hatten Luftfahrtpioniere zum Test Reporter
eingeladen, die vergeblich anreisten, weil die Tests aufgrund schlechter Witterung oder anderen, fadenscheinigen, Gründen nicht durchgeführt werden konnten. Fotos, die Weisskopfs Flug hätten belegen können, waren zu
der Zeit technisch noch gar nicht möglich. Bewegliche Objekte am Tage zu dokumentieren, war schon schwierig genug, unter nächtlichen Lichtbedingungen war überhaupt nicht daran zu denken. Die ‚Smithsonian
Institution‘, bedeutendstes technisches Museum und oberste wissenschaftliche Autorität der USA, sie untersteht direkt dem Präsidenten, stellt in ihren Hallen den Motorflieger der Gebrüder Wright aus. An sich eine völlig
nachvollziehbare Sache. Bedenklich erscheint der Vertrag aus dem Jahr 1948, den die Erben der Gebrüder Wright mit dem Museum ausgehandelt haben. In diesem Vertrag ist genau geregelt, zu welchen Bedingungen das Flugzeug
der Wrights ausgestellt werden darf. Zunächst ist der Text auf der Schautafel neben dem ausgestellten Flugzeug vorgeschrieben, auf dem eindeutig darauf hingewiesen wird, dass es sich um den ‚Flyer I‘, um das Original
des ersten von Menschen gelenkten Motorflugzeugs handelt. Eine merkwürdige Irreführung, denn in Zeitungsberichten aus dem Dezember 1901 zum Flug der Gebrüder Wright ist eindeutig dokumentiert, dass der ‚Flyer
I‘ unmittelbar nach dem, wenngleich erfolgreichen, Flugversuch durch eine Windbö völlig zerstört wurde. Bei dem Exponat kann es sich also nicht um das Original handeln, bestenfalls um ein aus Wrackteilen
zusammengesetztes Flugzeug, bei dem eine ganze Reihe von zerstörten Komponenten durch neue ersetzt wurde. Geradezu grotesk liest sich ein Paragraph 2d des Vertrages: ‚Weder die Smithsonian Instituition oder deren
Nachfolger, noch irgendein anderes von den Vereinigten Staaten verwaltete(s) Museum, Agentur oder Behörde, darf eine Bekanntmachung oder Beschriftung veröffentlichen, die Bezug auf ein Flugzeug oder
Flugzeugentwurf nimmt, dass vor dem Wright-Flugzeug in der Lage war, einen Menschen unter eigener Kraft im kontrollierten Flug zu tragen‘. Bei Verstoß gegen diese Bestimmung verliert die Smithonian Institution das
Recht, den ‚Flyer I‘ auszustellen. Man darf natürlich nicht vergessen, dass dieser Vertrag kurz nach dem 2. Weltkrieg abgeschlossen wurde. Deutschland war vor den Augen der Welt noch längst nicht rehabilitiert. Gustav
Weisskopf hatte zwar mit dem Namen Gustave Whitehead seinen Namen anglisiert, aber nie die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen. Die Vorfahren der Gebrüder Wright hingegen erreichten die Neue Welt bereits 1636.
Orville und Wilbur Wright enstammten also aus einer “amerikanischen Familie der ersten Stunde. Es scheint festzustehen, dass die Geschichte des Motorflugs, so wie sie allgemein bekannt ist, vom Diktat eines Vertrages
und nicht durch Tatsachen geschrieben wurde. Gustav Weisskopf war zwar der erste Motorflieger der Menscheit, die Anerkennung für diese Leistung bleibt ihm aber global nach wie vor versagt. Gustav Weisskopf setzte
nach seinem ersten Flug seine Forschungsarbeiten unbeirrt fort, obwohl ihm, im Gegensatz zu den wohlhabenden Gebrüdern Wright, kaum finanzielle Mittel zur Verfügung standen. Jeder Dollar, den der arme Schlosser mit
Gelegenheitsarbeiten verdient, investiert er in ein neues Flugzeug. Dieses ist am 17. Januar 1902 startbereit, steigt auf 70 Fuß Höhe, und wird beim Landen auf das offene Wasser des Long-Island-Sundes von Bridgeport
getrieben. Das Flugzeug geht verloren. Der Verlust treibt Weisskopf in den finanziellen Ruin, von dem er sie nie wieder erholen sollte. Ruin. Bei seinem Tode am 10.10.1927 hinterläßt ein ‚Vermögen‘ von ganzen 8. Dollar.
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